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Der Markt für Inkretin-Therapien wächst rasant. Sowohl injizierbare als auch orale Therapien dürften bei der Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes eine wichtige Rolle spielen. Gastautor Ian Thompson beleuchtet, wie sich der Markt entwickelt, welche nächste Generation von Inkretin-Therapien derzeit entwickelt wird und welche Bedeutung die subkutane Verabreichung auch angesichts der zunehmenden oralen Therapieoptionen weiterhin haben wird.

Das Risiko für Typ-2-Diabetes steigt mit zunehmendem Körpergewicht, mangelnder Bewegung und weiteren Lebensstilfaktoren. Seit den 1980er-Jahren nimmt die weltweite Prävalenz sowohl von Adipositas als auch von Typ-2-Diabetes kontinuierlich zu. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung in den USA, wo mehr als 40 % der erwachsenen Bevölkerung mit einem BMI >30 von Adipositas betroffen sind. In Europa liegen die entsprechenden Raten je nach Land zwischen 10 und 25 %.

Es wird erwartet, dass bis 2030 weltweit mehr als 1,1 Milliarden Menschen von Adipositas (BMI ≥ 30) betroffen sein werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erkennt Adipositas als komplexe chronische Erkrankung an, die neben Diabetes Typ 2 auch das Risiko für Begleiterkrankungen wie Leber- und Herzerkrankungen, Hyperlipidämie, Bluthochdruck, Demenz und Krebs erhöht. Die damit verbundenen Kosten für die Gesundheitssysteme sind erheblich und belaufen sich in einigen Fällen auf bis zu 2,4 % des Bruttoinlandsprodukts. Entsprechend gross ist das Potenzial, diese Belastungen zu reduzieren. Um sowohl die Behandlungsergebnisse für die Patientinnen und Patienten zu verbessern als auch die finanzielle Belastung zu senken, werden Inkretine auch künftig eine wichtige Wirkstoffgruppe in der Behandlung von Adipositas und Diabetes Typ 2 darstellen.

Der Aufstieg der Inkretine

Inkretine sind Peptidhormone des Stoffwechsels, die den Blutzuckerspiegel senken. Dazu gehören unter anderem das Glucagon-like Peptid-1 (GLP-1) und das glukoseabhängige insulinotrope Polypeptid (GIP). Die Kommerzialisierung von GLP-1-Rezeptoragonisten begann vor mehr als 20 Jahren mit der Einführung von AstraZenecas Byetta (Exenatid) für die Behandlung von Typ-2-Diabetes, das zweimal täglich injiziert werden musste. Später folgten Formulierungen zur wöchentlichen Anwendung. Einen deutlichen Schub für den Einsatz von Inkretinen brachten jedoch insbesondere flüssigstabile wöchentliche Therapien wie Trulicity (Dulaglutid) von Eli Lilly, Ozempic (Semaglutid) von Novo Nordisk und Mounjaro (Tirzepatid) von Eli Lilly. Die Entwicklung der Inkretin-Therapien beschränkte sich nicht auf die Behandlung von Typ-2-Diabetes, sondern weitete sich zunehmend auf die Adipositasbehandlung aus, bei der in der Regel höhere Dosierungen zum Einsatz kommen. Heute stehen Semaglutid und Tirzepatid an der Spitze der Adipositasbehandlung und haben wesentlich zum starken Wachstum des gesamten Inkretin-Marktes beigetragen. Studien gehen davon aus, dass bis 2030 rund 25 Millionen Menschen in den USA mit Inkretinen behandelt werden.

Mit der jüngsten Einführung oraler Inkretin-Mimetika wie oralem Semaglutid von Novo Nordisk und Orforglipron von Eli Lilly ist das Interesse an oralen Inkretin-Therapien bei Patientinnen und Patienten, Gesundheitsfachpersonen und Investoren deutlich gestiegen. Diese Markteinführungen stellen eine wichtige Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten mit Inkretinen dar und dürften das Wachstum des Gesamtmarktes zusätzlich vorantreiben. Entscheidend ist dabei, dass viele Patientinnen und Patienten, die orale Therapien nutzen, eine injizierbare Behandlung zuvor möglicherweise nicht in Betracht gezogen hätten. Orale Therapien haben daher das Potenzial, den Zugang zu Inkretin-Therapien insgesamt zu erweitern, anstatt injizierbare Therapien lediglich zu ersetzen.

Die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes und Adipositas, die Inkretine einsetzen, ist in den vergangenen zwei Jahren von rund 15 auf 25 Millionen gestiegen. Bis 2035 und darüber hinaus dürfte diese Zahl auf rund 100 Millionen oder mehr Patientinnen und Patienten anwachsen. Dies entspricht einem anhaltenden jährlichen Wachstum von mehr als 15 % über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Die Zukunft injizierbarer und oraler Inkretine

Unter Analysten besteht weitgehend Konsens darüber, dass injizierbare Inkretine auch bei zunehmender Marktreife bis 2030–2035 den grössten Anteil des Marktes für die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas ausmachen werden. Während orale Therapien derzeit einen vergleichsweise kleinen Anteil des Marktes ausmachen, dürfte ihr Anteil im kommenden Jahrzehnt kontinuierlich steigen. Gleichzeitig wird erwartet, dass mit dem Wachstum des Gesamtmarktes auch die absolute Zahl der mit injizierbaren Therapien behandelten Patientinnen und Patienten weiter zunimmt.

Prognostiziertes Wachstum des globalen Inkretin-Marktes bis 2035

Die derzeitige klinische Evidenz deutet darauf hin, dass injizierbare und orale Therapien jeweils unterschiedliche Eigenschaften sowie Vor- und Nachteile aufweisen. Injizierbare Therapien zeigen tendenziell Vorteile in mehreren Bereichen, darunter eine höhere Bioverfügbarkeit und insgesamt bessere Ergebnisse bei der Gewichtsreduktion. Studien zeigen bei injizierbaren Therapien Gewichtsverluste von mehr als 20 %. Die Ergebnisse können jedoch je nach Wirkstoff, Formulierung, Dosierungsschema und Patientenpopulation erheblich variieren.

Orale Therapien bieten eine einfache Anwendung, und die Vertrautheit mit dieser Verabreichungsform könnte das Wachstum des Gesamtmarktes fördern und den Zugang zu Inkretin-Therapien erweitern, insbesondere für Patientinnen und Patienten, die Injektionen gegenüber Vorbehalte haben. Orale peptidbasierte Therapien können jedoch mit Herausforderungen bei der Aufnahme im Verdauungstrakt verbunden sein. Gleichzeitig werden Verträglichkeit, Therapiepersistenz und Adhärenz weiterhin untersucht, während zunehmend Daten aus der Anwendung unter Alltagsbedingungen verfügbar werden.

Weitere orale Inkretin-Mimetika befinden sich derzeit in der Entwicklung, viele davon allerdings noch in frühen klinischen Phasen. Daher ist davon auszugehen, dass orales Semaglutid und Orforglipron das orale Segment in naher Zukunft anführen werden.

Insgesamt dürften beide Verabreichungsformen langfristig wichtige und sich ergänzende Rollen bei der Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes spielen. Injizierbare Therapien werden dabei voraussichtlich eine zentrale Säule des Inkretin-Marktes bleiben, auch wenn orale Therapien zunehmend an Bedeutung gewinnen. (Abb. 1)

Entwicklung der nächsten Generation von Inkretinen

Gleichzeitig befindet sich eine breite Pipeline von injizierbaren Inkretin-Mimetika der nächsten Generation in der Entwicklung, darunter duale und dreifache Agonisten wie CagriSema und Amycretin von Novo Nordisk sowie Retatrutid von Eli Lilly. Neben den beiden Marktführern arbeiten zahlreiche weitere Unternehmen, darunter Amgen, Boehringer Ingelheim, Pfizer, Roche, AstraZeneca, Regeneron, Zealand und Kailera, daran, neue Therapien auf den Markt zu bringen. Die anhaltenden Investitionen grosser Pharmaunternehmen in diese injizierbaren Therapien der nächsten Generation unterstreichen die Erwartung, dass injizierbare Therapien langfristig ein wichtiger Bestandteil der Behandlung mit Inkretinen bleiben werden.

Mittelfristig wird erwartet, dass mehr injizierbare als orale Inkretin-Therapien um Marktanteile konkurrieren werden. Dies stützt die Annahme, dass der zukünftige Markt sowohl injizierbare als auch orale Behandlungsoptionen umfassen wird. Gleichzeitig besteht weiterhin ein hoher ungedeckter medizinischer Bedarf bei Patientinnen und Patienten, die auf die derzeit verfügbaren Inkretine nicht ansprechen oder auch nach der Behandlung eine zusätzliche Gewichtsreduktion benötigen (Abb. 2).

Anteil der Personen, die nicht auf GLP-1-Therapien ansprechen oder möglicherweise eine zusätzliche Gewichtsreduktion benötigen, basierend auf den jeweiligen klinischen Studien

Pen-Injektoren und Autoinjektoren für Inkretin-Therapien

Viele der derzeit verfügbaren injizierbaren Inkretin-Therapien, darunter Semaglutid und Tirzepatid, basieren auf einfachen Peptiden, die für die Selbstverabreichung mit Pens oder Autoinjektoren formuliert sind.

Autoinjektoren bieten eine komfortable Lösung für wöchentliche Injektionen. Mehrdosis-Pen-Systeme bieten jedoch ebenfalls Vorteile hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit, Effizienz der Lieferkette und eines geringeren Gerätevolumens und können damit den Zugang für Patientinnen und Patienten verbessern. Dies zeigte sich auch bei der Markteinführung eines Mehrdosis-Pens für Tirzepatid durch Eli Lilly im Februar 2026. Der Pen ist darauf ausgelegt, mit einem einzigen Injektionssystem eine Behandlung über 28 Tage zu ermöglichen, anstatt dafür vier separate wöchentliche Autoinjektoren zu verwenden.

Mit dem weiteren Wachstum des Inkretin-Marktes werden voraussichtlich verschiedene Injektionssysteme parallel zu oralen Therapien eingesetzt werden, um unterschiedlichen Wirkstoffen, Patientenmerkmalen, Patientenpräferenzen und Anforderungen der Gesundheitssysteme gerecht zu werden. Ein zunehmender Trend ist dabei die Gewichtserhaltung. Eli-Lilly-CEO Dave Ricks stellte fest, dass «viele Menschen von injizierbaren Therapien wegkommen möchten, sobald sie ihr Ziel erreicht haben». Orale Therapien dürften hier eine Option für Patientinnen und Patienten bieten, die ihre injizierbare Therapie beendet haben.

Das zukünftige Wachstum von Inkretin-Therapien unterstützen

Das rasante Wachstum von Inkretin-Therapien zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas dürfte sich im kommenden Jahrzehnt fortsetzen. Treiber dieser Entwicklung sind die weltweit steigende Nachfrage sowie kontinuierliche Innovationen sowohl bei oralen als auch bei injizierbaren Therapieformen.

Mit der weiteren Entwicklung des Marktes werden Verabreichungssysteme ein integraler Bestandteil des gesamten Therapieökosystems bleiben und bei einer Vielzahl von Therapien zu einer komfortablen Anwendung, hoher Therapieadhärenz und einem breiten Zugang für Patientinnen und Patienten beitragen.

Autor

Ian Thompson

Ian Thompson ist Gastautor und ehemaliger Vice President Account & Business Development bei Ypsomed. Er trat 1995 in das Unternehmen ein und war in verschiedenen Funktionen im Key Account Management und Business Development tätig. Dabei unterstützte er Pharmaunternehmen bei der Entwicklung und Markteinführung innovativer Selbstinjektionssysteme. Er studierte Biochemie und Biotechnologie in Grossbritannien und ist seit seinem Umzug in die Schweiz im Jahr 1990 im Bereich Medizintechnik tätig. Seit 2003 lag sein Schwerpunkt auf Business Development und Produktinnovation.

Seit September 2024 ist Ian als Consulting Business Owner bei Pi Biomedical GmbH tätig. Dort unterstützt er Pharma- und Medizintechnikunternehmen sowie Unternehmen aus dem Networking-Bereich, die sich im komplexen Umfeld von Arzneimittel-Medizinprodukt-Kombinationsprodukten bewegen.

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