Sebastian Schäfer verantwortet den Aufbau unseres neuen Produktionsstandorts in Holly Springs, North Carolina. Bis Ende 2027 entsteht dort eine hochmoderne Ypsomed Fabrik. Für diese anspruchsvolle Aufgabe ist der promovierte Ingenieur gemeinsam mit seiner Frau in die USA gezogen. Im Interview berichtet er, wie der Aufbau einer Produktionsstätte im Ausland gelingt und welche Herausforderungen und Chancen damit verbunden sind.
Wie beginnt man, wenn man ein bestehendes Gebäude in eine Produktionsstätte verwandeln will?
Am Anfang steht eine klare Vorstellung: Welche Produkte sollen hier künftig hergestellt werden und in welchen Mengen? Darauf aufbauend prüfen wir, was es dafür konkret braucht: Welche Maschinen kommen zum Einsatz? Wie stark automatisieren wir? Und wie gestalten wir die Produktion so, dass sie später erweitert werden kann? Gleichzeitig beginnt der organisatorische Aufbau. Denn ein Gebäude allein produziert noch nichts – entscheidend ist das Team, das die Prozesse plant, steuert und kontinuierlich verbessert.
Welche Schritte müssen ineinandergreifen, damit der ambitionierte Zeitplan realistisch bleibt?
Ein Projekt dieser Grösse braucht eine klare Struktur. Mehrere Teams arbeiten parallel an unterschiedlichen Themen, von Bau und Infrastruktur bis zu IT und Qualität. Wichtig ist, dass alle regelmässig abgestimmt sind und früh erkennen, wo es Abhängigkeiten oder Engpässe gibt. Aus Erfahrung weiss ich, dass Zeitpläne selten an der Technik scheitern, sondern an unklaren Schnittstellen oder verzögerten Entscheidungen. Deshalb setzen wir auf Transparenz, klare Verantwortlichkeiten und kurze Entscheidungswege. Auch mit den lokalen Behörden stehen wir in engem Austausch, damit Genehmigungen und Abläufe reibungslos funktionieren.
Wer gehört zum Kernteam dieses Standortaufbaus, und welche Kompetenzen sind dabei besonders gefragt?
Am Aufbau arbeiten interdisziplinäre Teams aus der ganzen Firma mit. Dazu gehören unter anderem Infrastruktur und Umbau, Industrialisierung, Qualitätsmanagement, Einkauf und Supply Chain, IT, Human Resources, Finanzen und Recht. Je nach Projektphase sind unterschiedliche Fachbereiche besonders stark involviert. Der Standort entsteht also nicht isoliert, sondern viele Kolleginnen und Kollegen aus der gesamten Organisation tragen zum einen oder anderen Zeitpunkt dazu bei.
Wie funktioniert die Abstimmung zwischen dem Team in der Schweiz und den Kolleginnen und Kollegen in den USA?
Wir haben früh eine klare Projektstruktur mit definierten Meilensteinen aufgebaut. Jedes Team weiss, welchen Beitrag es zum Gesamtziel leistet und von welchen anderen Bereichen es abhängig ist. Entscheidend ist ein gemeinsames Zielbild: Was produzieren wir hier? In welcher Qualität? Bis wann? Und mit welcher Wachstumsperspektive? Derzeit wird das Projekt noch stark aus der Schweiz gesteuert. Ich bin der Erste vor Ort und baue die lokale Struktur Schritt für Schritt auf. In den kommenden Monaten werden dann weitere Mitarbeitende dazukommen.
Welche Rolle spielen lokale Partner, Behörden oder Dienstleister beim Aufbau der Fabrik, und wie habt ihr dieses Netzwerk aufgebaut?
Lokale Partner sind zentral für Geschwindigkeit und Qualität des Bauvorhabens. Auch die Behörden in North Carolina begleiten das Projekt konstruktiv, insbesondere bei Genehmigungen und Förderprogrammen. In den USA laufen viele Abstimmungen auf Stadt- und County-Ebene. Diese Ansprechpartner sind für uns besonders wichtig. Um den Überblick zu behalten, erfassen wir alle relevanten Kontakte systematisch, von Behörden über Bildungseinrichtungen bis zu Industrieinitiativen. Die Region rund um Raleigh, der sogenannte Research Triangle Park, ist stark von Technologie und Industrie geprägt. Das bietet grosse Chancen – etwa bei der Rekrutierung von Fachkräften – erfordert aber auch eine gute Vernetzung vor Ort.
Was hat Dich an der Arbeitsweise und Mentalität in den USA bisher überrascht oder beeindruckt?
Ich erlebe die Zusammenarbeit als sehr ergebnisorientiert und entscheidungsfreudig. Themen werden direkt angesprochen, Erwartungen klar formuliert. Eigenverantwortung und Tempo spielen eine grosse Rolle. In der Schweiz legen wir traditionell mehr Wert auf breite Abstimmung und langfristige Stabilität. Beide Herangehensweisen haben ihre Stärken. Wichtig ist, die Unterschiede zu verstehen und bewusst zu verbinden. Zur Unterstützung hat unsere HR-Abteilung interkulturelle Trainings organisiert.
Wie stellt ihr sicher, dass unsere Qualitätsansprüche und unsere Unternehmenskultur auch am neuen Standort von Anfang an verankert sind?
Unsere Kunden erwarten weltweit dieselbe hohe Qualität, unabhängig davon, wo ein Produkt gefertigt wird. Deshalb führen wir unsere Standards vom ersten Tag an ein. Parallel zur technischen Infrastruktur bauen wir unser Qualitätssystem auf. Neue Mitarbeitende werden intensiv geschult, viele kommen für ihre Einarbeitung an bestehende Standorte in Europa – ähnlich wie wir es beim Aufbau in China gemacht haben. Neben Prozessen und Regulierung geht es auch um Kultur: Verantwortung übernehmen, sorgfältig arbeiten und langfristig denken. Das ist Teil des Ypsomed Spirit und soll auch in Holly Springs von Anfang an gelebt werden.
Was hast Du beruflich gemacht, bevor Du diese Aufgabe übernommen hast – und inwiefern hilft Dir diese Erfahrung heute?
Ich arbeite seit 2015 im Projektmanagement und habe internationale Entwicklungs- und Industrialisierungsprogramme geleitet, unter anderem in der Automobilindustrie. Dabei habe ich eng mit US-Unternehmen wie Ford und Tesla zusammengearbeitet und auch Erfahrung in Asien gesammelt. In den letzten vier Jahren habe ich berufsbegleitend promoviert. Diese Kombination aus Praxis und wissenschaftlicher Arbeit hilft mir heute, strategische Fragen fundiert zu analysieren und gleichzeitig konsequent in die Umsetzung zu gehen. Entscheidend ist aber: Ein Projekt dieser Grösse gelingt nur im Team, und hier arbeite ich mit aussergewöhnlich starken Kolleginnen und Kollegen zusammen.
Wie organisierst Du dieses Grossprojekt für Dich persönlich, und was bedeutet es für Deine Familie?
Ich arbeite mit klaren Prioritäten entlang der wichtigsten Projektschritte und plane meine Wochen sehr strukturiert. Wichtig ist mir, strategische Themen bewusst von operativen Details zu trennen und Verantwortung zu delegieren.
Aus privater Sicht bedeutet der Umzug in die USA für meine Frau und mich den Beginn eines neuen gemeinsamen Kapitels. Es werden intensive Jahre – beruflich wie privat – mit hohen Anforderungen, aber auch mit grossen Chancen und wertvollen Erfahrungen. Unser Kind wird in den USA zur Welt kommen, was diesen Schritt für uns noch bedeutsamer macht. Trotz des klaren beruflichen Fokus blicken wir dieser Zeit mit grosser Vorfreude entgegen und sehen darin eine besondere Möglichkeit, als Familie zusammenzuwachsen und neue Perspektiven zu gewinnen. Wir freuen uns!