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Interview mit Zukunftsforscherin Jeanette Huber

Im Interview erklärt sie, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das Gesundheitssystem haben wird. Klassische Systeme und Prozesse brechen auf und müssen neu definiert werden. Doch was genau macht die Digitalisierung mit uns?

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitssystem in vielerlei Hinsicht. Als Zukunftsforscherin schauen Sie eher soziologisch auf das Phänomen. Wie verändern sich die Patienten?

Heute ist die Mehrheit davon überzeugt, die Verantwortung für die Gesundheit liege vor allem bei jedem Einzelnen selbst. Im 21. Jahrhundert prägt der mündige Patient die Gesundheitslandschaft, und genau dieser Patientengruppe spielt die Di­gi­ta­li­sie­rung in die Hände. Das beginnt bei der Beschaffung gesundheitsrelevanter Informationen, wo das Internet in der Be­deu­tungs­rei­hen­fol­ge an die zweite Stelle nach dem Arzt vorgerückt ist, und geht weiter bis zur digitalen Dokumentation von Gesundheitszuständen. Das deutet auf einen Paradigmenwechsel hin. Früher war die Diagnostik eine institutionelle Aufgabe. Digitale Werkzeuge in Patientenhand ermöglichen in Zukunft eine “Überall-und-Jederzeit-Diagnostik”. Sie wird einfacher, kostengünstiger, sie wird zum Werkzeug gesundheitsbewusster Menschen.

 

Wie verändern sich die Beziehungen der verschiedenen Akteure des Gesundheitssystems durch die Digitalisierung?

Das Gesundheitssystem ist ein geschlossenes hierarchisches System von Experten mit standardisierten Prozessen, denen sich der Patient zu unterwerfen hat. Die Digitalisierung erschüttert dieses System, denn sie schafft Netzwerke im Ge­sund­heits­be­reich. Netzwerke, die Menschen in Verbindung bringen, mobil und in Echtzeit. Es entsteht eine neue Be­zieh­ungs­kul­tur, die geprägt ist von Partizipation, Transparenz, Offenheit und der Mündigkeit des Einzelnen.

Patienten tauschen sich über Ärzte und Therapien aus, im besten Fall vernetzen sich Ärzte, um voneinander zu lernen, die Industrie knüpft direkte Verbindungen zu Patienten. Die Vision ist eine egalitäre, demokratische und offene Medizin. Damit stösst die Digitalisierung einen gewaltigen Kulturwandel an.

 

Wie stellt sich dieser Kulturwandel für das medizinische Fachpersonal dar?

Zum Beispiel so, dass netzkundige Patienten von Ärzten erwarten, ihr mühsam gegoogeltes Gesundheitswissen zu sor­tie­ren und Sinnzusammenhänge aus den einzelnen Info-Schnipseln herzustellen. Denn Überblickswissen ist das grosse Erkenntnisdefizit der Patienten. Oder so, dass in Zukunft Patienten ihre selbst erfassten Gesundheitsdaten in die Sprech­stunde mitbringen, und der Arzt diese berücksichtigen muss. Auch die Kommunikation zwischen Arzt und Patient wird in Zukunft anders aussehen. Niedrigschwellige Kommunikationsformen wie Kurznachrichten könnten den klassischen Arzttermin ergänzen. Schon heute suchen Menschen Möglichkeiten, sich übers Internet vertrauensvoll und qualifiziert mit Gesundheitsexperten auszutauschen.

 

Wer nimmt die Vorreiterrolle ein, bzw. wer gibt den Ton und die Geschwindigkeit des digitalen Wandels im Gesundheitsbereich an?

Der Kostendruck im Gesundheitsbereich wirkt wie ein Katalysator für alles, was bessere Ergebnisse zu niedrigeren Kosten verspricht. Das ist ein Treiber der Digitalisierung. Doch es regen sich auch Widerstände gegen Digitalisierung, die von den Kostenträgern betrieben wird.

 

Damit gelangen wir unweigerlich zur Frage: Was kann den digitalen Wandel im Gesundheitssystem bremsen?

Die Bedürfnisse und Einstellungen der Patienten. Auch im digitalen Zeitalter wünschen sich Patienten Aufmerksamkeit und den persönlichen Kontakt. Unabhängig von ihrem Versicherungstarif. Die grosse Mehrheit der Patienten hält mehr Mensch­lich­keit und Einfühlungsvermögen seitens der Ärzte für wichtig, wenn es um die Gesundheitsversorgung der Zukunft geht. Sie fürchten, dass die soziale Rolle des Arztes der Digitalisierung anheim fällt und durch die Automatisierung der Um­gang mit Menschen im Gesundheitswesen zum Luxusgut wird.

 

Wo geht die digitale Reise hin? Was kommt nach der Etablierung von smarten und vernetzten Geräten?

Dann haben wir erst einmal gigantisch viele Daten. Eigentlich ist das gut, denn je mehr man über Krankheiten weiss, desto besser kann man sie verstehen und behandeln. Doch das Problem ist, dass die Menge der Informationen schneller wächst, als der beste Spezialist sie verarbeiten kann. Vor einem solchen Hintergrund werden wir Systeme brauchen, die In­for­ma­tio­nen besser und zügiger verarbeiten können als Menschen. Da ist vor allem die Industrie gefragt, Systeme be­reit­zu­stel­len, die den Patienten und Ärzten gerecht werden. Trotzdem sind nicht alle begeistert, wenn Maschinen ihnen gute Ratschläge erteilen. Menschen wollen ihre Souveränität gegenüber der Technologie behalten und Entscheidungen treffen.

Der Mensch sollte als Erfahrungsträger und Entscheider mit besonderen Fähigkeiten respektiert werden. Technik kann seine Fähigkeiten gezielt ergänzen, ihn jedoch nicht ersetzen.

Jeanette Huber, Associate Director, Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main, Deutschland
Jeanette Huber, Associate Director, Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main, Deutschland

Jeanette Huber
Associate Director Zukunftsinstitut

Jeanette Huber ist Associate Director des führenden Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main, Deutschland. Ihr beruflicher Hintergrund reicht von einem zehnjährigen Engagement in der IT-Branche über die mehrjährige Erfahrung in einer internationalen Unter­nehmens­beratung bis zur Leitung ihres eigenen Tourismus-Unternehmens in Südafrika, wo sie bis 2000 lebte. Diese vielschichtige Lebens- und Arbeitsbiografie ermöglicht ihr, die wissenschaftlichen Ergebnisse der Zukunftsforschung auf pragmatische Art und Weise mit der Unternehmenswelt von heute zu verbinden.

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